Getränke mit Migrationshintergrund
29. Juli 2009 | Thema: Sprachbetrachtung
Es gibt Menschen, die trinken grundsätzlich keinen Alkohol. Finde ich in Ordnung. Dann gibt es welche, die trinken grundsätzlich alles, was es an Alkoholika gibt. Finde ich nicht in Ordnung. Dann gibt es welche, die trinken meistens Bier. Das sind die Deutschen. Die liegen im Bierverbrauch weltweit ganz weit vorn, laut Stati(sti)schem Bundesamt trinkt jeder Einwohner im Durchschnitt pro Tag 0,3 Liter Gerstensaft. Da sind allerdings auch Biermischungen mitgezählt, die man ja eigentlich laut Reinheitsgebot gar nicht als Bier bezeichnen darf. Von denen gibt es bundesweit viel mehr, als der normale Durchschnittstrinker auch nur erahnen kann. Also zumindest ich, die nun schon seit langer Zeit im Biermekka Bayern lebt und nicht ganz bierunkundig ist, hatte bis heute noch nie was gehört von Flüssigkeiten wie BMW, Schneewittchen, Jorsch, Monaco, Nuclear Sunrise oder Schweinskopf …
Aber was ein Neger ist, weiß ich, auch wenn ich es noch nie getrunken habe und auch nie trinken würde: Weizenbier mit Cola. Nun ist das zugegebenermaßen ein etwas seltsamer Name für ein allerdings ebenso seltsames Bier(mischgetränk) und man weiß ja spätestens seit den Diskussionen um den Negerkuss, dass das Wort “Neger” diskriminierend klingt und eine rassistische Äußerung darstellt, die auch in Wortzusammensetzungen vermieden werden sollte. Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil von der FDP hat sich deshalb hingesetzt und einen Brief an den bayrischen Hotel- und Gaststättenverband geschrieben, in dem er auffordert, die Bezeichnung Neger von den bayrischen Getränkekarten (im Allgäu heißt es Mohren, macht die Sache auch nicht besser) verschwinden zu lassen und sie durch Cola-Weiße zu ersetzen. Immerhin gibt es jede Menge Alternativen in anderen Bundesländern, in Ostwestfalen sagt man Schmutziges, im Rheinland Drecksack, meistens aber wird die krude Mischung wohl Diesel genannt. Woher all diese düsteren Namen kommen, dürfte klar sein: Das Gebräu ähnelt wohl in der Farbe Moorwasser oder Dieselkraftstoff und die Verfärbung der Schaumkrone (sieh Bild oben) dürfte an etwas erinnern, in das man normalerweise noch nicht mal seinen kleinen Zeh hineintauchen würde …
Insofern ist Minister Zeils Vorschlag Cola-Weiße natürlich ein Euphemismus, denn von Weiße dürfte im Glas nichts mehr zu sehen sein. Den Vorschlag, das Bimsch (Abk. f. Biermischgetränk) einfach Politiker (unten trübe Flüssigkeit, oben viel dreckiger Schaum) zu nennen, finde ich zumindest überlegenswert. Ach ja, und dann, Herr Minister, haben Sie ganz vergessen, dass es da ja noch ein Getränk mit Migrationshintergrund gibt: den Russ nämlich, in Form von Weißbier plus Zitronenlimonade (brr). Angeblich kommt die Bezeichnung daher, weil nach dem Ersten Weltkrieg zu revolutionären Zeiten einerseits die russischen Zwangsarbeiter und andererseits die im Volksmund als Russ’n bezeichneten Kommunisten das aus Rohstoffmangel mit Limonade gestreckte Bier gern getrunken haben. Ist ja irgendwie auch rassistisch, oder? Alternative Namensvorschläge hierfür werden gern entgegengenommen.
Fotos: Dieter und creature, pixelio.de
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29.Juli 2009 um 18:37
Bei unseren österreichischen Nachbarn gibt es gerade auch eine “Mohr-im-Hemd”-Debatte. Dort hat der gewollt lustige Werbeslogan “I will mohr” der Firma Unilever für ihre neue Eissorte “Mohr im Hemd” für Furore gesorgt. Montagabend kam in der ZIB2 ein Beitrag darüber, den man hier noch anschauen kann:
http://ondemand.orf.at/news/player.php?id=zib2&day=2009-07-27
Sehr schön war darin das Interview mit der Firmensprecherin vor einer Wand, die über und über mit “Eskimo” beschriftet war …
30.Juli 2009 um 08:35
Ja, interessant, aber wusstest du nicht, dass Langnese in Österreich tatsächlich Eskimo heißt? ;-)
30.Juli 2009 um 08:42
Nachtrag: Ach ja, und ich könnte wetten, das “Mohr im Hemd” das Gleiche ist, was hier als “Safari Afrika” beworben wird. Original Werbetext: “Träumen Sie sich nach Afrika: unberührte Natur, atemberaubende Sonnenuntergänge und geheimnisvolle Geräusche wilder Tiere.”
Und der Clou sind die kleinen Schokotatzen, mit denen das Ganze dekoriert ist, um den Tiger in dir zu wecken …
30.Juli 2009 um 10:44
Warum alles so kompliziert machen? Warum nicht bei “Cola-Weiße” bleiben? Denn mit der Farbe hat das ja eh nichts zu tun, das “Weiß” in Weißbier steht ja für Weizen … Wenn ich so etwas Widerliches bestellen würde (schade um das schöne Bier), würde ich es einfach “Cola-Weizen” nennen. Eine simple Getränkebestellung sollte man doch hinkriegen, ohne sich in den Irrungen und Wirrungen politisch korrekter Minderheitenbezeichnungen zu verheddern ;-)
30.Juli 2009 um 12:46
@ Elke: Das mit dem Firmennamen Lagnese/Eskimo hab ich schon gewusst. Für mich hatte die Stellungnahme der Sprecherin zu den “Mohr-im-Hemd”-Rassismusvorwürfen vor dieser Kulisse gerade deshalb realsatirische Züge.
Wobei der Kern des Problems dadurch auch perfekt visualisiert wurde: WIR (Europäer) denken uns nichts dabei, wenn wir von “Mohren” sprechen und WIR empfinden es ergo auch nicht als rassistisch, Kuchen-, Eis- oder Biersorten so zu benennen. Ebenso wenig denken wir uns was dabei, dass die Firma “Eskimo” heißt, weil das in unserer (sprachlichen) Welt eben lange Zeit die einzige Vokabel für die arktischen Völker war, mit der jeder sofort Eis assoziiert. Dass die arktischen Völker selbst sich anders nennen, wobei längst nicht alle den Inuit angehören, und der Begriff “Eskimo” bei ihnen möglicherweise als Schimpfwort gilt, würde bei uns (in Europa) keine Firma dazu bewegen, sich umzubenennen. Zumal die Eskimo-Thematik ja auch viel weniger polarisierend ;-) ist als die “Mohren”-Debatte, denn es halten sich ja viel weniger Menschen mit arktischem als mit afrikanischen Migrationshintergrund bei uns auf.
30.Juli 2009 um 14:17
Treffer: Ich hab Eskimo (von “Rohfleischesser” hergeleitet, wie ich jetz gelernt habe) tatsächlich bisher nicht für ein annähernd rassistisches Wort gehalten wie Neger; und vor dem Hintergrund ist der Hintergrund beim Interview mit der Firmensprecherin tatsächlich Realsatire ;-) Danke für die etymologische Bereicherung!
3.August 2009 um 16:40
Ich find “Mohrenkopf” am schönsten. Und bei dem Wort bleib ich auch. Und am liebsten ein Mohrenkopf in einem Brötchen. Ein “Mohrenkopfbrötchen”. Seufz. Tagträume. Süß und klebrig.
4.August 2009 um 16:28
Ist zwar nicht PC, aber ich sag auch “Mohrenkopf”. Schokoschaumkuss klingt doch im Vergleich richtig doof! Zumal: Wer benutzt denn schon das Wort “Mohr”, um jemanden rassistisch zu beschimpfen? Das klingt ja fast schon altmodisch-gemütlich. Und wie klänge: Der afroeuropäische Mitbürger mit Migrationshintergrund hat seine Schuldigkeit getan, der afroeuropäische Mitbürger mit Migrationshintergrund kann gehen …