Unbedingt zum Lesen empfohlen!

13. Mai 2009 | Thema: Lesetipp, Medien

Gerade entdeckt und selbst noch gar nicht verdaut: Stefan Niggemeiers Wutmäander zur Qualitätsdebatte.

abb_schiffe-152x165Ausgelöst von dem SZ-Magazin der letzten Woche, in dem es um die Sinnkrise der klassischen Medien geht. Niggemeier äußert sich polemisch, ohne Zweifel, aber fasst meiner Ansicht nach auch großartig zusammen, was die Crux dieser ganzen großen Mediendebatte ist: Dass sich nämlich auf der einen Seite viele, nicht alle,  Journalisten als einzig wahre “Darsteller von Wirklichkeit” sehen und den Dialog mit Lesern, Zuschauern und Kommentierenden aus der Web 2.0-Welt ablehnen, und dass sich auf der anderen Seite so manche Möchtegern-Journalisten in der Web 2.0-Welt tummeln, die tatsächlich jedes Vorurteil, das aus der Welt der klassischen Medien den neuen Medien entgegengeworfen wird, in schlimmster Weise bestätigen.

Es ist eine total spannende Debatte, die hier geführt wird, finde ich. Das zeigt sich auch in den zahlreichen Kommentaren, die es inzwischen bereits zu Niggemeiers Blogbeitrag gibt und wo er selbst noch mal betont:

Das hier ist zwar ein Plädoyer gegen die Verklärung des real-existierenden Journalismus. Aber es ist ein Plädoyer für den guten, professionellen Journalismus.

fotomaedchenmitlampeDiesem Plädoyer stimme ich uneingeschränkt zu. Wie ich mich überhaupt für den Wert bzw. die Wertschätzung guter Texte (dazu bald mehr) einsetze. Aber das Nachdenken darüber, welchen tatsächlichen Marktwert in Zukunft noch Texte, die auf Papier gedruckt werden, haben werden, beschäftigt mich persönlich auch. Kann es im Zeitalter des Internets noch eine Zeitung oder eine Zeitschrift geben, deren Artikel mit ihrer Lesbarmachung tatsächlich noch aktuell =nicht überholt = richtig = wahr sind? Oder können nur noch Online-Magazine die “wahren” Fakten wiedergeben? Werden unsere Kinder später noch “Auf Papier Gedrucktes” lesen wollen? Oder verziehen sie sich mit ihrem E-Book  oder Handy, in das per elektronischem Papier alles eingespielt werden kann, unter ihre Bettdecke? Spannende Fragen, finde ich.

Hajo Schumacher, Herausgeber einer Onlinezeitschrift, hat im SZ-Magazin die Theorie verbreitet, Papier werde als Statussymbol der höheren Stände weiterbestehen, das Blatt der Zukunft habe 100 Seiten, exzellente Autoren, exklusive Beiträge, sie nahezu anzeigefrei und koste um die 15 Euro. Diese Vorstellung verursacht bei mir Beklemmungen. Ausgerechnet Papier, dessen Erfindung so unvorstellbar viel zur Demokratisierung, zur Bildung, zur Völkerverständigung beigetragen hat, soll zum Prestigeobjekt der oberen Zehntausend werden? Kann Digitales und Gedrucktes nicht gleichberechtigt nebeneinander stehen? Nein, da will ich lieber an diesen Spruch hier glauben: „Solange man lästige Fliegen nicht mit einem Bildschirm erschlagen kann, wird es Zeitungen und Bücher aus Papier geben.“



5 Kommentare zu Unbedingt zum Lesen empfohlen!

  1. Julia

    Ich kann Hajo Schumachers These nachvollziehen: Ich finde das Internet nämlich inzwischen weit demokratischer als Zeitungen. Jeder kann Autor werden, jeder kann kritisieren, kommentieren und applaudieren. Vergleiche der Blickwinkel verschiedener Berichterstattungen ermöglichen ein, zwei Mausklicks – was könnte demokratischer sein?

    In unseren Breitengraden gibt es ja kaum noch jemanden ohne Zugang zum Computer. Davon abgesehen ist ein Zeitungsabo nicht viel billiger als die gängigen monatlichen DSL-Tarife. Das Internet ist ein Volksmedium – die Zeitung bald überholt. Ich lese übrigens auch schon lange nur noch das regionale Käseblatt, denn überregionale Nachrichten erhalte ich im Netz einen Tag früher als über die Morgenzeitung.

    Nein, ich wüsste nicht, weshalb man die Zeitung aus Papier künstlich am Leben halten sollte. Sinniger fände ich es, wenn Redaktionen mehr Wert auf die Qualität ihrer Online-Angebote legten. Da wird sich sicher irgendwann die Spreu vom Weizen trennen. Wer den Netzauftritt heute vernachlässigt, wird morgen in die Röhre gucken. (Ich liebe es, schicksalshafte Prophezeiungen zu verlautbaren, chakka.)

  2. Elke Hesse

    Julia, ich hab ja auch nicht gesagt, dass das Internet undemokratisch wäre. Im Gegenteil, ich stimme dir in allen Punkten vollkommen zu. Und ich will auch gar nichts künstlich am Leben erhalten und eben deshalb fand ich das, was Schumacher bzw. angeblich ein großer deutscher Verlag herausgefunden haben will, ein bisschen gruselig: Papier als Hochglanzmagazin und nur noch als High-End-Medium für die Oberklasse: Das kommt mir furchtbar künstlich (und grässlich undemokratisch) vor.

  3. Julia

    Naja, aber wenn die gedruckte Zeitung erstmal kein Massenmedium mehr ist und in kleineren Auflagen erscheint, dann muss sie teurer verkauft werden, damit für die Hersteller noch was rausspringt. Das ist nicht die Abkehr von der Demokratie – das ist nur Marktwirtschaft. ;-)

    (Ich kenne Schumachers Ausführungen nicht und weiß deshalb nicht, wie er die Umwandlung zum Luxusgut erklärt. Ich denke ganz einfach pragmatisch: Raritäten kosten halt.)

  4. Elke Hesse

    Ich fürchte, darüber kann man wirklich tagelang diskutieren … Ich bin, glaube ich, einfach “altmodisch” und hänge am bedruckten Papier. Wie sagt man so schön: Papier ist geduldig. Das Internet ist nicht geduldig. Gar nicht. Es duldet auch keine geduldige Leser. Und es verändert unsere Lesegewohnheiten und unsere Denkstrukturen. Dazu gibt es ja bereits zahlreiche Studien und Bücher. Das macht mir, ganz ehrlich, Angst.

    Erst neulich im Urlaub hab ich bei mir selbst erschrocken festgestellt, dass ich mich nicht mehr wie früher gut auf ein Buch konzentrieren kann. Dass ich beim Lesen keine Geduld mehr habe. Dass ich mich wohl an das häppchenhafte schnelle Lesen und Hin- und Herklicken so gewöhnt habe, dass mich das erforderliche konzentrierte Lesen eines 200-Seiten-Buches unruhig macht, so nach dem Motto: Ich muss doch noch mal rechts oder links schauen, was da noch so läuft.

    Das hat mir ganz schön zu denken gegeben …

  5. be|es|ha

    Zur Zukunft der Zeitungen kann ich dir auch diesen Essay von Clay Shirky empfehlen: http://www.shirky.com/weblog/2009/03/newspapers-and-thinking-the-unthinkable/
    Ich habe kürzlich darüber gebloggt ( http://auslassungspunkte.wordpress.com/2009/04/28/die-zukunft-der-zeitungen/ ), weil aktuell auch ein Interview mit dem Zeitungsgestalter Javier Errea erschienen war, der durchaus eine Zukunft für die Zeitungen sieht. Was mich beruhigt hat, war die identische Aussage beider, dass weiterhin Wert auf qualitativ hochwertigen Journalismus gelegt werden muss. Welche Verbreitungswege dieser Qualitätsjournalismus suchen und finden wird, das werden werden wir dann erst in ein paar Jahren wissen …

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